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  • Paul Sieberer

Historiker werden die Frage beantworten können, seit wann es am Domplatz Bauernmärkte gibt. Die Menschen vor Ort sind unterschiedlicher Ansicht. Manche meinen, es handle sich um Jahrzehnte, andere sprechen von einigen Jahrhunderten. Der Dom selbst schweigt dazu. Unverrückbar steht er am Platz, hält seine Pforte offen und hört zu. Das tut er so lange, bis seine Glocken das letzte Mal zum Gebet rufen.

Zweimal die Woche wird der Bauernmarkt abgehalten. Bürgerinnen und Bürger nützen die Gelegenheit, heimische Produkte zu kaufen, um somit etwas für ihre eigene Gesundheit und die regionale Wirtschaft zu tun. Dabei darf natürlich die Begegnung nicht zu kurz kommen. Am Stehtisch trinken zwei alte Freunde frischgezapftes Bier. Karl, der auf ein erfülltes Berufsleben bei der Eisenbahn zurückblicken kann, meint: „Wenn morgen die Welt untergeht, wäre das auch ok. Ich bin bereit! Prost!“ Der Name seines Freundes ist ebenfalls Karl: „Wofür bist du bereit?“ Der erste Karl nimmt einen weiteren Schluck und sucht nach einer aussagekräftigen Antwort: „Für den Himmel! Das, was wir hier auf Erden erleben, wird doch nicht alles gewesen sein, oder?“ Der zweite Karl wischt sich mit dem Handrücken über seine Lippen und antwortet mit spitzbübischen Augen: „Du immer mit deinem Himmel! Merk dir endlich: Im Schaume vom Bier liegt der Himmel vor mir! Prost!“ Die beiden Freunde trinken ihre Gläser leer. Der zweite Karl verabschiedet sich: „Ich muss noch Zwiebel fürs Gulasch kaufen. Servus, Karl, wir sehen uns.“ Der erste Karl bleibt noch eine Weile stehen. Sein Blick wandert zur Uhr am Kirchturm. Er sieht, dass die Glocken in kürze zwölf Uhr schlagen werden. Im Gedanken fragt er die Domkirche: „Wann ist die letzte Stunde? Sag mir, wann ist es so weit?“ Der Dom antwortet nicht. Die Glocken läuten.


© Paul Sieberer, veröffentlicht in KIRCHE bunt Nr. 46/2020

  • Paul Sieberer

Da bin ich wieder. Es tut mir leid, wenn du ein wenig warten musstest. Ich dachte schon, dass es sich heute nicht einrichten lassen wird, aber jetzt habe ich es doch geschafft. Freust du dich? Die letzten Wochen hatte ich wirklich viel um die Ohren. Aber natürlich hast du recht, ich sollte nicht jammern, so ist das Arbeitsleben eben.

Hör zu, ich habe Neuigkeiten! Ich bin befördert worden! Ja, du hast richtig gehört! Ich finde, ich hab’s auch wirklich verdient. Wieso? Na, du bist gut! Ich rackere mich ab, geh sogar mit Fieber in die Firma … habe ich mir schon irgendetwas zuschulden kommen lassen? Nein! Siehst du, das macht sich jetzt bezahlt. Wie du immer sagst: Ehrlich währt am längsten!

Und du? Bei dir alles beim Alten? Schön. Ach ja, noch etwas! Stell dir vor, unsere Veronika hat einen Freund! Schön, gell? Ich gönn es dem Mädel. Sie ist ja auch eine ganz Brave. Ich habe aber zu ihr gesagt, dass sie zuerst mit dem Studium fertig werden muss – dann kann sie daran denken, mit diesem … wie heißt er noch schnell … keine Ahnung … egal … jedenfalls zuerst Abschluss … dann Familie … stimmt doch, oder?

Du sagst wieder nichts. Ich würde mir so sehr wünschen, dass du antwortest … du … du fehlst mir … fehlst uns … deine Gelassenheit fehlt, deine Ruhe … weißt du?

Ruhe hast du ja hier genug. Wenn ich mit dir eine Weile plaudere, dann spür ich ein Stück von deiner Ruhe … auch in mir. Das war schon immer so. Du tauschst meine Gedanken aus. Dafür dank ich dir. Die Blumen sind für dich, die Kerze auch. Ich hab dich lieb … lass uns zusammen beten …

© Paul Sieberer, 2020

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